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Darf man sich überhaupt noch freuen, dass wir die WM gewonnen haben?

In den letzten Wochen hat sich ein Ereignis zu getragen, an dem keiner von uns vorbei gekommen ist, ob er wollte oder nicht: die Fußballweltmeisterschaft. Und für alle, die es trotz unzähligen Fernseh- und Radioberichten, Zeitungsartikeln, in schwarz-rot-gold gekleideten, Fangesänge brüllenden Besoffenen oder eventuell euren supertollen Nachbarn, die euch mitten in der Nacht mit “Tooooor!”- Rufen und knallenden Sektkorken wecken, nicht mitbekommen haben sollten: Deutschland hat 1:0 gegen Argentinien gewonnen und ist damit Weltmeister.

Diese Nachricht dürfte die meisten von uns höchst erfreut haben, schließlich macht es einen nun gewöhnlicherweise glücklich, wenn die eigene Nationalmannschaft bei solch einem bedeutsamen Turnier gewinnt. Aber nein, nicht wenn man in Deutschland wohnt. Da lassen sich die kritischen Stimmen, die sich gegen diesen Sieg richten gar nicht so leicht überhören. Denn auch ich habe mich mehr als einmal mit den Vorwürfen auseinander gesetzt, dass es einen doch irgendwie zu einem Nazi macht, wenn man stolz auf seine Nationalmannschaft ist und den Sieg der Deutschen feiert.

Erst einmal vorne weg: Ja, die Fußball- WM hatte dieses Jahr einen bitteren Beigeschmack und ja, ich hab mich teilweise echt schlecht gefühlt, wenn ich zu den Spielen zum Public Viewing gegangen bin. Da sitzt man nun, trinkt Bier, feiert bei jedem Tor und unterstützt eine Sache, wegen denen so viel Menschen das Geld für Bildung vorenthalten wird. Ich habe meine Schwester für ihr “Keep calm and support Germany”- T-Shirt verhöhnt und ich habe Leute mit hochgezogenen Augenbrauen angeschaut, wenn sie sich ihr komplettes Auto mit Deutschlandflaggen zugehangen haben. Wie kann man denn bitte so stolz mit seiner Nationalität draußen rumprahlen, wenn genau dieser Stolz doch so viele Menschenleben zerstört hat?

Meine Einstellung zu Deutschland ist schon seit Jahren kritisch. Sicher, wir können uns nicht beschweren, wir haben ein gutes Sozialsystem, sehr humane Gesetzte und niemand muss staatlich gesehen Not oder Hunger leiden. Im Vergleich mit anderen Ländern können wir uns echt glücklich schätzen. Und dennoch bin ich nicht stolz darauf eine Deutsche zu sein. Es gibt so vieles, dass immer noch schief läuft.

Doch nun mal zurück zum Fußball: Nach dem grandiosen Sieg unserer Mannschaft, wurden vor allem seine Kritiker laut. Während die harmlosen Fußball- Gegner ihre Meinung à la “Und obwohl wir die WM gewonnen haben, wird die Welt nicht ab heute besser.”, preisgaben, mischten sich auch ziemlich verletzende Kommentare mit unter, die den Deutschen den Sieg nicht gönnten und uns als unfaires Nazivolk beschimpften.

Sind solche Aussagen nur Missgunst oder sollte man sich wirklich Gedanken machen, wenn man sein Whatsapp- Profilbild jetzt in schwarz-rot-gold-Banner geändert hat? Wenn ihr mich fragt, finde ich, wir haben ein ausgezeichnetes Team mit einem spitzen Trainer, dass wirklich hart für seine Träume gekämpft hat. Sie haben bei fast allen Spielen ihr bestes gegeben und ich persönlich sehe keinen Grund, warum sie es nicht verdient hätten. Die deutsche Mannschaft war hoch motiviert, fair und respektvoll und ist ein echtes Vorbild in Sachen Teamarbeit. Den deutschen Sieg mit dem Nazi- Argument, schlecht zu reden ist genauso blödsinnig, wie Menschen, die sich tatsächlich einreden etwas besseres zu sein, nur weil sie aus Deutschland stammen.

Für eben diese Kritiker kommt wohl der neuste Skandal gerade Recht: der Gaucho- Song. Bei dem Empfang der deutschen Mannschaft wurde der Sieg gegen Brasilien mit dem Fangesang “So gehen die Gauchos, die Gauchos, die gehen so. So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so.” bejubelt. Bei den “Gauchos”, also den Argentiniern, nahmen die Spieler eine gekrümmte Haltung ein, während sie sich bei der Zweiten Zeile zu vollen Siegeshaltung erhoben. Ich verstehe Leute, die solche Aktionen als geschmacklos empfinden. Das war sicher nicht die geschickteste Handlung, die unserem zweifelhaften Außenbild gewiss noch ein paar Kratzer mehr zugefügt hat. Und natürlich haben sie damit die perfekte Bestätigung für böse Zungen gegen die Deutschen geliefert. Doch mal ganz ehrlich: Für mich sieht das nicht nach einer bösartiger Ausländerhetze aus, sondern einfach nach einem Team, dass ausgelassen ihren WM- Sieg feiert. Und wenn sie sich damit gegenüber einem anderen Land erheben wollen, dann weil sie es sich verdient haben: sie haben sich in einem fairen und sportlichen Wettkampf gegen die anderen behauptet und sind damit nun mal die verdienten Sieger. Das Lied, dass sie zum besten gegeben haben ist bei Fußballfans nichts außergewöhnliches. Es ist nun mal ein Teil dieses Sports, dass man stolz auf seine Mannschaft ist und diese auch mal in überheblichen Siegesliedern feiert, oder nicht? Und es ist nun einmal auch eine nervige Angewohnheit der Medien simple Scherze zu einem riesen Skandal aufzubauschen.

Den meisten Deutschen fällt es ohnehin schon schwer sich mit ihrer nationalen Identität anzufreunden. Wir kennen die Klischees: Der Deutsche ist verklemmt, humorlos, gezwungen und eben auch oft… rassistisch. Ein Bild, dem man sich nur ungern zuordnen möchte. In der Vergangenheit hat es sich leider so eingeprägt, dass die Geschichte des Nationalsozialismus automatisch auch dem deutschen Volk zugeordnet wird. Dabei vergessen viele, dass unsere Generation die Geschehnisse des 3. Reiches in keinster Weise beeinflußt hat, weil es eine Sache ist, die vor unserer Zeit Geschehen ist. Und dennoch werden wir immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert. Wir sind etwas, was wir eigentlich gar nicht sein wollen: wir sind deutsch.

Vielleicht wird es an der Zeit, dass wir uns damit abfinden. Oder aber, wir versuchen das ganze aus einer neuen Perspektive zu betrachten: Wir sind deutsche, aber wir sind nicht die deutsche Geschichte. Wir sind die Zukunft. Was damals geschehen ist ist mehr als nur bedauerlich und wir sollten Respekt zeigen vor allen, die wegen den “Deutschen” leiden mussten. Dennoch haben wir die Chance aus dem Vergangen zu lernen und wir sollten nicht aufhören zu versuchen uns durch positive Handlungen hervor zu tun. Wir können nichts dafür, dass uns der Arschloch- Ruf vererbt wurde und irgendwann ist auch mal gut.

Tatsächlich stehen wir im Ausland gar nicht so schlecht da, wie wir immer glauben. Laut einer BBC Umfrage wurden wir 2013 zum beliebtesten Land der Welt gewählt. Ja, ich konnte es auch kaum glauben. Und auch im Fußball wurden die Deutschen in höchsten Tönen gelobt. Wieso sollten wir diesen Sieg nicht mal als Anlass nutzen, uns mit Stolz zu unserer Nationalität zu bekennen?

Theoretisch gesehen geht es hierbei nur um den Sport und nicht um irgendwelche Geschichtsereignisse. Die Fußballmannschaft und der deutsche Staat sind zwei unterschiedliche Dinge. Wenn du dir eine Flagge auf die Wange malst, dann machst du das nicht, weil du Hitler verehrst oder Angela Merkel so geil findest, sondern schlichtweg, weil du ein Fan dieses Teams bist und du die Spieler unterstützen möchtest. Es gibt keinen Grund, dass du dir Vorwürfe machen musst, weil du in voller Euphorie “Schlaaand!” gebrüllt hast, als das entscheidende Tor gefallen ist, weil du dich freuen darfst, wenn die Mannschaft gewinnt, die deiner Meinung nach am besten ist. Aber vielleicht gehört das einfach zum deutsch sein dazu: Das man sich immer irgendwie Vorwürfe machen will.

Am Ende haben sie trotzdem gesiegt, Müller, Schweinsteiger, Götze und co. Und Menschen denen Fußball vorher am Allerwertesten vorbei gegangen ist, lagen sich in den Armen und haben geweint, weil da draußen endlich mal eine Mannschaft gewonnen hat, mit der sie sich identifizieren konnten. Eine Mannschaft, die Charakter und Stärke bewiesen hat. Und vor allem eine Mannschaft, die den Weltmeistertitel verdient hat.

-V.